• Martin Oswald

Der Faktor Mensch braucht ein besseres Image

Die Prognose ist einfach: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Was wir heute unter Arbeitskraft verstehen, wird sich dadurch radikal ändern. Roboter werden schon bald ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein. In dieser Koexistenz müssen wir nicht nur rechtliche und ethische Rahmenbedingungen für die künstlichen Intelligenzen klären — wir müssen ans Eingemachte und unsere eigene Rolle auf dem Planeten neu definieren.



Bei Digitalkonferenzen ist das Thema Robotik und künstliche Intelligenz angekommen. Es werden Podiumsgespräche geführt und laufend neue Fortschritte präsentiert. Bald schon werden Themen rund um intelligente Technologie aber in der breiten Gesellschaft ankommen (müssen). Es geht um nicht weniger als unser Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit den von uns geschaffenen “Wesen”.


Gibt es sowas wie künstliche Menschen?

Im Fokus steht unter anderem die Frage: “Wie menschlich lassen wir Technik werden?” Deep Learning zeigt heute ein unendliches Feld auf, in welchem Maschinen sich selber Dinge beibringen, die den menschlichen Verstand übersteigen. Hier haben wir die Tür längst geöffnet für eine Entwicklung, die sich unserer Kontrolle zunehmend entzieht. Es geht nicht nur um künstliche Intelligenz — es geht um künstliche Menschen.


Der deutsche Philosoph Geert Keil schreibt in seiner Arbeit über Roboter: “Alan Turing war auf der Suche nach ‘a fairly sharp line between the physical and the intellectual capacities of man’. Vieles spricht dafür, dass es diese Grenze nicht gibt.”


Menschliche Soft Skills als Trumpf

Diese Entwicklung bringt eine weitere digitale Revolution des Arbeitsmarktes mit sich, welche für viele traditionelle Berufsfelder eine echte Bedrohung darstellt. Rund die Hälfte aller Jobs läuft Gefahr, durch Automatisierung und Digitalisierung „ersetzt“ zu werden oder sich strukturell stark zu wandeln. Der Druck nimmt zu, die daraus entstehenden gesellschaftspolitischen Fragen anzugehen. Womit verdienen wir in Zukunft unser Geld? Wie findet Wertschöpfung statt, die Wohlstand für alle schafft? Wie viel Regulierung braucht es zum Schutz der Bürger?


In dieser Phase des Umbruchs und der Unsicherheit riskieren wir, unseren Fokus zu stark auf die Möglichkeiten und Risiken der Technologie zu richten und dabei unsere ureigenen Fähigkeiten ausser Acht zu lassen. Doch gerade wenn Roboter schleichend Einzug in unserer Arbeitswelt halten, müssen wir gezielt in unsere menschlichen Begabungen investieren.


Was uns heute von Robotern unterscheidet sind die Soft Skills: Empathie, Kreativität, Intuition, Unternehmertum oder künstlerisches Schaffen. Doch diese Eigenschaften allein sichern noch keinen Arbeitsplatz. Entscheidend ist, diese menschlichen Trümpfe in Kombination mit Technologie auszuspielen. Dazu wird es grosser Anstrengungen im Bildungswesen bedürfen, um jene notwendigen Fähigkeiten auszubilden, die ein geschicktes Zusammenspiel zwischen Mensch und Technologie ermöglichen.


Wir Menschen sind ein Ergebnis jahrtausendelanger Entwicklung. Jetzt müssen wir uns in sehr kurzer Zeit auf tief greifende Veränderungen einstellen — ohne zu wissen, wohin die Reise geht.


Wir, die Ahnungslosen

“Es ist nicht vorstellbar, was Roboter alles können werden“, sagt Till Reuter, Chef der Roboterfirma Kuka. In der Vergangenheit war der Mensch stets unfähig, die Zukunft richtig vorauszusagen. IBM-CEO Thomas Watson hatte den Weltmarkt für Computer 1943 auf fünf Stück geschätzt. Charles H. Duell vom US-Patent Office glaubte 1899, „everything that can be invented, has been invented.“


Mit anderen Worten: Wir unterschätzen das Potenzial des Fortschritts und damit das Potenzial von Robotern und künstlicher Intelligenz. Deshalb wird es auch nicht genügen, einige ausgeprägt menschliche Eigenschaften in die Waagschale zu werfen. Wir müssen uns mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass wir nicht für alle Zeiten die intelligenteste Spezies auf dem Planeten Erde bleiben werden. Das mag aus heutiger Perspektive reichlich apokalyptisch klingen, aber Computer, die sich durch Deep Learning eigenständig weiterentwickeln, stellen ungeahntes Potenzial in jede Richtung dar.


“Es geht weniger darum, dass uns Maschinen angreifen oder töten könnten — sondern dass wir uns nicht ausreichend anpassen können und der Wohlstand ungerecht verteilt wird.” — US-Forscher Erik Brynjolfsson

Wie Erik Brynjolfsson sagt, wird die Herausforderung nicht darin bestehen, besser als Maschinen zu sein, sondern möglichst gut mit ihnen zusammenzuarbeiten.


Und falls noch Zeit bleibt, sollten wir die Fragen diskutieren, was Liebe, Toleranz und Gemeinschaft im technomenschlichen Zeitalter bedeuten — und welcher Platz ihnen darin zugestanden werden soll.